Nach der Auszeit: zurück in den Alltag

Nach der Auszeit: zurück in den Alltag

 

Es ist wieder mal Zeit für ein kleines Update. Das letzte Gespräch hatte vor 2 Jahren stattgefunden (du kannst es hier lesen)….Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Meine Klientin stellte wieder die Fragen.

 

F: Was machst du denn jetzt so? Du bist ja nicht mehr in Auszeit. Magst du dazu etwas erzählen?

 

A: Ja klar. Nicht lange nach unserem Gespräch hat mich das Leben wieder sanft aber bestimmt in die Pflicht genommen, mich um meine Familie zu kümmern. Es war dann einfach klar, dass die große Freiheit erst mal vorbei ist und die täglichen Pflichten des Alltags erledigt werden wollen. Es war eine Umstellung für mich, aber ich konnte dem Prozess vollends vertrauen, weil ich einfach klar gespürt habe, dass dies die Bewegung ist, die “mein persönlicher Lebensfluss” jetzt nimmt. Egal ob ich es verstehe, egal ob ich es will, egal ob ich überhaupt eine Meinung dazu habe.

 

F: Du hast dich also nicht dagegen gewehrt oder wehmütig auf die Auszeit geblickt?

 

A: Nein. Es war innerlich sehr stimmig, auch wenn die Umstände es erfordert haben und nicht ich selbst mich dazu entschieden habe. Ich sehe das als Teil des Erwachens Prozesses. Das “Ich” wird nach dem 1.shift, mit dem es ja nicht zu Ende ist, weiter abgebaut. Dazu gehört immer wieder das Loslassen des eigenen Willens, unserer Vorstellungen, Vorlieben und Meinungen, die wir so lieb gewonnen haben.

 

F: Kannst du dazu ein Bespiel geben, wie das Ich abgebaut wird?

 

A: Ein gutes Beispiel ist das Recht haben wollen. Das haben wir alle wie unserer DNA, also jeder Mensch, ob es ihm bewusst ist oder nicht, will Recht haben. Es ist die Grundlage von fast allen Streitereien und Querelen. Und es ist ein wichtiges Standbein unseres Ichs (= ein getrenntes Individuum zu sein). Bei mir vollzieht sich das Abbauen dann wie folgt: über einen längeren Zeitraum liege ich dann bei so ziemlich allen Einschätzungen bezüglich meinem direkten Umfeld falsch. Und das obwohl ich “eigentlich” eine gute Gabe habe, Dinge einzuschätzen oder wahrzunehmen. So eine Phase hatte ich schon mal vor ein paar Jahren während der Auszeit. Andere auf dem Erwachensweg haben mir auch davon erzählt. Dieses wiederholte falsch liegen hilft uns dabei, im sehr gesunden Sinne demütig zu werden und jegliche Selbstüberschätzung loszulassen. Mehr in das zu kommen “ich weiß nicht, was für dich richtig ist, was bei dir gerade abläuft, wie das für dich ausgeht etc”.  Gerade wenn wir eine gute Intuition oder mediale Fähigkeiten haben, kann es eine Neigung geben, zu glauben, wir wüssten “alles” über/für die anderen. Mir hat das Leben in dieser Phase immer wieder gezeigt, dass es viel bessere Lösungen hat, dass etwas anderes ansteht und dass der Sinn, den etwas hat, von unserem begrenzten Geist, mag er hellsichtig sein oder nicht, oft erst später erkannt wird. Im Übrigen war meine Arbeit davon nicht betroffen, die läuft auf einer anderen Ebene ab und da geht es nicht um das Recht haben. Bei mir bezog es sich klar auf das private und familiäre Umfeld.

 

F: Und wie ist es dir dann so zurück im Alltag eigentlich ergangen?

 

A: (Lacht), ich würde die jetzt gerne erzählen, dass mir das Verweilen im Sein super leicht gefallen ist, aber dem war nicht so. Im Gegenteil, alle unerledigten Themen kamen aufs Tablett. Bedingungslos. Alle kleinen und großen Schatten kamen schonungslos zum Vorschein. So vieles wollte und will immer noch erlöst werden. Es ist ein interessanter Prozess. Aber es war auch klar: in dem spirituellen Umfeld, wo ich mich zur Auszeit hauptsächlich aufgehalten habe, wären diese Schatten nicht so hervorgeholt worden. Die eigenen Schatten und Muster holen einen immer wieder in die Identifizierung als Person zurück, was sich furchtbar anfühlt, wenn man die Weite und Freiheit des Seins kennt.

 

F: Um ehrlich zu sein, das mit der Identifizierung als Person verstehe ich nicht so recht? Meinst du damit das Ego, die sogenannten schlechten Seiten an uns?

 

A: Nein. Identifizierung hat gar nichts mit guten oder schlechten Seiten zu tun, sondern damit, was wir in dem Moment als unsere eigene Identität erleben. Bin ich dieses “Ich”, die Person inklusive dem Körper, ein getrenntes Individuum ODER erlebe ich mich als das reine Bewusstsein. Das ist ein sehr großer Unterschied im Erleben.

Das Aufkommen von alten Mustern, von unerlösten Schmerzen hat mich sehr herausgefordert. Die wichtigste Praxis nach dem 1. shift, ist das “Verweilen im Sein”. Das gelang mir jetzt zeitweise nicht mehr und ich habe auf frühere Praktiken zurückgegriffen, wie Energiearbeit, Aufstellungen, Transformation, verhaltentherapeutische Ansätze und ich habe auch ein paar Sitzungen bei einem Traumatherapeuten genommen. Es gingt um ein frühkindliches Trauma, von dem ich schon lange wusste und was ich auch schon “bearbeitet” hatte, aber die dazugehörigen Gefühle, also das ganze Wahrnehmen, kam erst dann in dieser Zeit. Die Traumatherapie war körperorientiert (Somatic experiencing) und ich empfand es als sehr hilfreich und auch tiefgehend. In dem Zusammenhang habe ich auch davon gehört welchen großen Einfluß der Vagus Nerv hat (Dazu gibt es viel Literatur) und wie eng Körper und Seele verknüpft sind. Einfache Übungen haben da große Wirkung.

 

F: Ja, eine Bekannte hat mir auch schon von den Vagus Nerv Übungen erzählt und dass es ihr sehr hilft beim Entspannen. Ich muss das auch mal ausprobieren.

 

A: Ja, tu das. Grundsätzlich glaube ich, dass wir alle Traumata in unserem Körper gespeichert haben und jeder von Traumatherapie profitieren kann. Man braucht nur einen Therapeuten/in, der man vertraut und wo die Chemie stimmt.

 

F: Und wie siehst du das jetzt mit Auszeiten? Nimmst du dir noch welche?

 

A: Ja, das ist mir heilig! Allerdings eben nur für kürzere Zeit ( 2 bis 4 Wochen am Stück). Da gehe ich entweder in ein spirituelles Umfeld oder ich ziehe mich zu einem Stille Retreat alleine (mehr dazu kannst du hier lesen) hier in der Gegend zurück, also im Bayerischen Wald oder den Alpen. Für das Stille Retreat alleine brauche ich keine spirituellen Menschen um mich herum, sondern einfach einen guten Platz mit Natur drumherum. Beides ist für mich wichtig: einmal unter spirituellen Menschen zu sein, was ich im Alltag nicht habe, oder auch ganz alleine für mich zu sein. Meine Familie versteht das.

 

F: Welcher spirituellen Praxis folgst du jetzt?

 

A: Wie ich vorher schon erwähnt habe, ist jetzt die wichtigste Praxis das Verweilen im Sein. Dazu braucht man keine festen Meditationszeiten, sondern es geht darum, es möglichst im Alltag zu integrieren. Wobei ich mich trotzdem gerne morgens und abends in Ruhe hinsetze, ähnlich dem Meditieren, um zu Verweilen. Und zusätzlich passe ich meine Praxis den Bedürfnissen an. Wenn mein Geist mal zu unruhig ist, arbeite ich mit einem Mantra, um dann, wenn er ruhig ist, wieder zu Verweilen. Dankbarkeits- und Loving Kindness Übungen mache ich auch jeden Tag. Du weißt ja, dass ich immer wieder betone, wie wichtig eine tägliche spirituelle Praxis ist. Und die Ausrede “ich habe keine Zeit”, darf man sich selbst nicht durchgehen lassen. Wenn das so ist, hat man seine persönlichen Zeitfresser noch nicht bewusst herausgefunden (Internet, Fernsehen, soziale Medien, Videospiele, oberflächliche und unwesentliche Gespräche, übertriebene Fürsorge für andere und Aufopferung etc). Hier habe ich einen Artikel zur täglichen Praxis geschrieben. 

 

F: Hast du jetzt einen Lehrer?

 

A: Nein, nicht in dem Sinne einer konkreten Person. Beim 1.shift findet man das reine Bewusstein in sich/als sich und braucht den äußeren Lehrer nicht mehr. Aber: das Leben selbst ist schon eine Art Lehrer, es spiegelt in jedem Moment zurück, was gerade los ist und eben, wo noch die Schatten und unerlösten Ich Anteile sind. Das ist sehr wichtig zu sehen und nicht zu glauben “Ich bin fertig”. Auch hier ist eine sehr gesunde Demut gefordert.

 

F: Jetzt fällt mir keine weitere Frage mehr ein. Hast du vielleicht noch einen Tipp, den Menschen, die auf dem spirituellen Weg sind, unbedingt beachten sollten?

 

A: Also, wenn es ein Tipp sein soll, dann wäre es dieser: folge zuhause im Alltag konsequent einer spirituellen, täglichen Praxis, die mindestens 30Min in Anspruch nehmen sollte und nimm dir vom Alltag auch immer wieder Auszeiten in einem spirituellen Umfeld. Diese Auszeiten fallen kürzer aus, wenn man kleine Kinder hat, aber selbst da ist immer wieder mal ein Wochenende oder ein paar Tage möglich. Wenn deine Kinder schon größer sind, kannst du auch eine Woche oder 10 Tage in Auszeit gehen. (Und in direkter Abnahme mit deinen Pflichten für andere zu sorgen können diese Zeiten länger oder häufiger werden). Es muss einfach nur eine Priorität für dich haben. Bedenke: wenn du deinen spirituelle Entwicklung an erste Stelle setzt, kommt das allen zugute und es ist nicht egoistisch, sondern letztendlich darauf ausgerichtet, dem Großen Ganzen zu dienen.



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