3 Jahre Rückzug und Satsang….meine Erfahrungen

3 Jahre Rückzug und Satsang….meine Erfahrungen

Nachdem ich immer wieder gefragt werde, was ich jetzt so mache und was die Auszeit bewirkt, möchte ich heute mal ein Update geben. Der Impuls dazu kam von einer langjährigen Klientin, die meinte, sie würde mich dazu gerne mal “interviewen” und sicher würde es andere auch interessieren… ;-)

 

F: Sag mal, wie lange bist du jetzt schon in dieser Auszeit und wie kam es überhaupt dazu?

 

A: Rückblickend kann ich sagen, dass dieser Prozess Ende 2012 begonnen hat, allerdings ohne dass ich es zu dem Zeitpunkt bewusst bemerkt hätte. Ich war 2011/12 an einem Punkt, wo ich ganz zufrieden war mit meiner Arbeit und meinem spirituellen Prozess. Da war schon länger so ein Gefühl, ich brauche keine weiteren Bücher zu lesen, es gibt nichts Neues mehr zu lernen. Anfang 2013 erwachte jedoch mein Interesse für Yoga neu. Über Kundalini Yoga und Mantren kam ich dann schnell zur indischen Philosophie. Ich fing also wieder an, Bücher zu lesen und bald schon hielt ich ein ganz dickes Buch: “Gespräche des Weisen vom Arunachala”- Ramana Maharshi, in den Händen. Es faszinierte mich und übte eine große Anziehung aus, wobei ich nicht wirklich verstand, was gesagt wurde und nach einem Drittel des Textes kam sogar Todesangst in mir auf.

Ramana Maharshi lebte ja in Indien beim Berg Arunachala und ich spürte eine große Sehnsucht diesen Berg zu besuchen. Das sollte aber noch ein Weilchen dauern….

Wenn ich es jetzt in ein Bild fassen würde, könnte ich sagen: ab dem Moment, wo ich mit Ramana und Arunachala “in Kontakt” gekommen war (über die Ferne mittels Bücher/Internet), bin ich wie in einen Zug eingestiegen, der jetzt Fahrt aufnahm….davon ahnte ich jedoch noch nichts.

 

F: Das ist ja interessant, du warst also auf einer Reise und wusstest davon gar nichts. Wie ging es dann weiter oder wann hast du bemerkt, dass du “in einem Zug sitzt”?

 

A: Das Buch von Ramana hatte ich weg gelegt, nachdem die Todesangst in mir aufgestiegen war. Ich muss dazu sagen, sie war relativ stark und “beeindruckend”. Jetzt in Nachhinein könnte man sagen, es wäre genau gut gewesen, dabei zu bleiben, aber ich wusste ja nichts und hatte keinen Lehrer, von daher ist der Prozess auch immer genau richtig, so wir er sich entfaltet. Für ein paar Monate zog es mich jetzt stark zu Bhakti Yoga, vor allem Mantren singen und Mantra Meditation. Dies vertiefte die Herzöffnung. Dann im Sommer 2013 besuchte ich zum ersten Mal zwei spirituelle Gemeinschaften. Das hat mir die Augen geöffnet und mich auch tief berührt! So wollte ich auch leben….zusammen mit Menschen, die Spiritualität nicht als “Hobby” oder nebenbei “betreiben”, sondern die es zu ihrem Hauptfokus gemacht haben und sich gegenseitig dabei unterstützen und stärken. Ich glaube diese Motivation war eine Zeit lang ganz wichtig und hat mich den Weg weitergehen lassen.

 

F: Was waren das denn für spirituelle Gemeinschaften und wie muß man sich das genau vorstellen?

 

A: Beide Gemeinschaften hatten einen Lehrer/Meister/Guru. Zu der einen Gemeinschaft möchte ich nichts weiter sagen, die andere war der Yoga Vidya Ashram in Bad Meinberg. Dort wird nach der Lehre des 1963 verstorbenen Swami Sivananda gelebt. Zu Beginn war die Verehrung des Meisters für mich sehr ungewohnt, aber wenn man sich etwas intensiver mit der indischen Sichtweise beschäftigt, dann wird das auch für uns “Westler” leichter verständlich. Das Thema Guru an sich und die Guru Verehrung sind ein großes, komplexes Thema, dazu gibt es Einiges zu sagen, was ich zu einem späteren Zeitpunkt sicher auch tun werde, aber hier völlig den Rahmen sprengen würde.

 

F: Wenn ich mich recht erinnere, bist du ja auch einem Meister gefolgt? Zumindest hattest du in deinem Praxisraum ein grösseres Bild von ihm hängen. Das war aber nicht Swami Sivananda?

 

A: Nein, das war nicht Sivananda. Obwohl ich zu Swami Sivananda schon eine innere Verbindung gespürt habe, war kein Impuls da, dieser Lehre so zu folgen. Ich muss auch dazu sagen, wenn mir jemand von circa 6 oder 7 Jahren gesagt hätte, ich würde einmal einem Guru folgen, dann hätte ich sicher laut aufgelacht! Das schien mir früher absurd. Aber die Wege Gottes sind unergründlich und ich kann wirklich sagen mit dem “Einsteigen in den Zug”, hat etwas “Anderes” die Führung in meinem Leben übernommen. Dieses “Andere” kann man mit vielen verschiedenen Worten bezeichnen, nennen wir es der Einfachheit halber “das wahre Selbst”. Wobei ich weiß, dass es gar nicht so einfach ist und man im Grunde jetzt erst mal definieren müsste, was man denn meint, wenn man sagt “das wahre Selbst”. Aber für den Moment soll das einfach mal so reichen ;-)

Aber ja, du hattest ja gefragt, welchem Lehrer ich gefolgt bin. Zu Beginn des Jahres 2014 hat mir eine Freundin immer wieder links zu Youtube Videos eines nun sehr bekannten Advaita Lehrers geschickt, der in Portugal lebt. Irgendwann habe ich mir dann doch mal eines angeschaut. Obwohl ich wiederum nicht sonderlich viel verstand, von dem was so gesagt wurde (so wie bei dem Lesen von Ramana Maharshi), schaute ich bald täglich diese Satsang Videos.

 

F: Was genau hat dich daran denn fasziniert?

 

A: Das kann ich so gar nicht in Worte fassen. Es ist einfach so passiert und gehört eben zu dieser “Zugfahrt”, wo die Dinge eben nicht mehr gut erklärt werden können und nicht unbedingt einem logischen Muster folgen. Ich las nun auch Bücher zu Advaita/Nonduality und begann etwas mehr zu verstehen. Auf das Drängen meiner Freundin hin, meldeten wir uns beide an für ein 7 Tage Stille Retreat bei dem besagten Lehrer in Portugal. Ja und dort passierte es dann…ich erlebte einen “Shift”, der unwiderruflich war/ist. Unter Erwachen versteht man eine Verschiebung (Shift) der Identität. Das was man IST. Es gibt zwei Verschiebungen: die erste zum “Ich Bin” und die zweite zum “Absoluten”. Komplett ist das Erwachen nur, wenn beide Shifts stattgefunden haben! Bei mir ist bislang (Nov 2017) nur die erste Hälfte passiert sozusagen, eben das Erwachen zum “Ich Bin”. Wiederum möchte ich dazu sagen, dass ich das jetzt in der Rückschau so klar benennen kann, damals, kam ich eher wie die Jungfrau zum Kinde, da ich mich ja noch nicht lange mit Noduality beschäftigt hatte.

 

F: Von Nonduality weiß ich bislang gar nichts. Kannst du vielleicht erklären, was es mit dem “Ich Bin” auf sich hat?

 

A: Ja, es ist nicht so leicht, das in Worte zu fassen: wenn man zum Ich Bin erwacht, ändert sich also die eigene Identität. Man erlebt sich selbst als das SEIN, als die EXISTENZ und nicht als getrenntes Individuum. Man erlebt sich als Stille, Frieden, Glückseeligkeit und IST einfach, egal was man tut. Also man sitzt nicht nur rum und tut nichts. Aber diese Ebene ist vom Tun nicht berührt. Man kann das Ich Bin nicht sehen, auch nicht im inneren Bild. Man kann es nicht fühlen oder channeln…man kann es nur sein und vom Sein aus, die Welt wahrnehmen, die auch das Sein ist. Diese Wahrnehmung ist friedlich und auch neutral, ohne Wertungen und ohne Vorlieben. Das Sein hat keine Botschaft, keine Wünsche, keine Meinung.

 

F: Ja, aber wie lebt man denn dann? Ich kann mir das nicht vorstellen. Du sagst, man tut schon was, aber ist nicht davon berührt und hat keine Meinung mehr? Kann man denn da überhaupt überleben? Wie geht man da ins Büro als Ich Bin? Also bitte kannst du das ein wenig genauer erklären. Mir scheint es, als wäre das eher ein Weg für jemanden, der in einer Höhle oder einem Kloster lebt, aber nicht geeignet für Menschen in Deutschland mit einen Bürojob und Familie.

 

A: (lacht) Ich kann deine Fragen gut nachvollziehen und hätte womöglich vor längerer Zeit genauso gedacht. Im Grunde ändert sich jedoch gar nicht so viel. Deine Umgebung merkt oft nicht mal, dass sich mit dir was verändert hat. Höchstens so Sätze wie: “sie wirkt in letzter Zeit so gelassen, macht sich keine Sorgen mehr, ist friedlich und scheint ganz in sich zu ruhen etc”. Für einen selbst ist es natürlich schon ein großer Unterschied zu vorher: dieser innere Frieden und die Neutralität, die Zufriedenheit und Glückseligkeit sind wunderbar. Allerdings, wie ich ja schon gesagt habe, ist das Erwachen zum Ich Bin nur der erste Teil, denn das ICH ist noch nicht unwiderruflich verschwunden und damit auch nicht die Identifikation mit dem Körper und Mind.

Man kann also jederzeit wieder zurückfallen in den ICH Zustand (identifiziert sein mit Körper und Mind). Das Zurückfallen wird dann erlebt wie wenn man mit einer Kamera reinzoomt anstatt einem weiten Blickfeld/Fokus zu haben. Und man erlebt, dass man sich eng fühlt und dass man das, was man erlebt, wieder persönlich nimmt, so wie früher.

Im Sein ist nichts persönlich, es IST nur…eben so wie es ist. Weil du frägst, wie man überlebt, arbeitet und Familie hat. Die äußeren Handlungen gehen weiter wie zuvor. Du stehst auf, wäschst ab, gehst zur Arbeit, erledigst deine Aufgaben, holst die Kinder vom Kindergarten ab und kaufst ein. Du triffst dich mit Freuden und Familie und redest ganz normal. Es gibt natürlich schon ein paar Begleiterscheinungen, die dann auftauchen, aber die sind nicht unangenehm. Darauf werde ich in Zukunft sicher noch eingehen, das wird hier allerdings zuviel.

 

F: Na gut, das kann ich mir alles noch nicht so vorstellen. Aber jetzt nochmal zurück zu dir: wie lebst du denn jetzt so in deinem Alltag?

 

A: Ich lebe immer noch sehr zurückgezogen. Allerdings möchte ich dazusagen, dass das nicht bei jedem, der diesen Weg geht, so sein muss, also dass man sich zurückzieht. Der Prozess hat einfach seine eigene Dynamik und Intelligenz.

Auch bin ich noch relativ viel unterwegs. Den Lehrer aus Portugal habe ich nach 2 Jahren “verlassen”, weil viele Sachen dort nicht stimmig waren. Allerdings bin ich weiterhin oft in Portugal, weil mir der Westküsten Teil der Algarve sehr gut gefällt und ich mich dort wohl fühle. Im Winter gehe ich wieder für 6 Wochen nach Indien. Da ja das Erwachen bei mir noch nicht “abgeschlossen” ist, verwende ich relativ viel Zeit und Fokus darauf. Es drängt mich einfach dazu.

 

F: Hast du vor, wieder Seminare zu geben? Du hast ja früher viele Kurse und Ausbildungen angeboten.

 

A: Mal sehen. Ich halte es für wahrscheinlich und manchmal kommen auch schon Impulse dazu und zur rechten Zeit wird es dann auch “einfach so passieren”. Eines ist allerdings schon sicher: die Seminare werden sich um Stille und Innenschau drehen und beeinflusst sein von diesem Prozess, über den wir gerade gesprochen haben. Also ganz anders als meine früheren Seminare. ;-)

 

F: Was ist Satsang denn eigentlich genau?

 

A: Das Wort Satsang kommt aus dem Sanskrit und die Bedeutung ist: Sat = Wahrheit, wahr und sang(a) = Gemeinschaft. Das heißt, Menschen sitzen “in Wahrheit” zusammen oder mit dem Fokus auf Wahrheit könnte man auch sagen. In der Regel bedeutet es, wenn jemand Satsang anbietet, dass er oder sie voll erwacht ist und daher “befugt” über die Wahrheit zu sprechen und denjenigen, die noch auf der Suche sind, Fragen zu beantworten. Es ist also meist in Dialogform mit Fragen und Antworten. Ramana Maharshi, der Weise vom Berg Arunachala, den ich letztes Mal schon erwähnt habe, sagt, dass die beste Lehre ist, mit einem Erleuchteten in Stille zusammen zu sitzen, ohne Worte. Wobei auch er immer wieder gesprochen hat. Das liegt daran, dass man “reif” sein muss, um die Stille “aufnehmen” zu können. Die meisten Sucher brauchen noch Erklärungen und haben viele Fragen.

 

F: Das bringt mich gleich zu meiner nächsten Frage: du sagtest ja, es habe dich gleich zu diesem Berg in Indien hingezogen, aber es hatte noch gedauert, bis es dann soweit war?

 

A: Ja, es dauerte 9 Monate nach dem besagten Retreat, bis ich das erste Mal nach Indien kam. Allerdings vorerst nur in den Norden, nach Rishikesh. Erst Winter darauf klappte es, dass ich Tiruvannamalai im Süden von Indien besuchen konnte. Ramana Maharshi hat dort fast sein ganzes Leben verbracht, nachdem er im Alter von 16 Jahren die Erleuchtung fand. Dieser Berg Arunachala ist schon seit Urzeiten heilig und es gibt dort noch den Ashram, in dem Ramana gelebt hat. Keine Frage: für mich ist das ein wirklich heiliger Platz und ich kann jedem ernsthaften Wahrheitssucher einen Besuch dort ans Herz legen. Beziehungsweise ist es so, dass der Berg einen zu sich ruft und man einfach spürt, dass man “dort hin muss”.

 

F: Du hast jetzt schon öfter den Begriff “Erwachen” verwendet, aber bei Ramana Maharshi sagtest du, er habe die Erleuchtung gefunden. Gibt es da also einen Unterschied zwischen Erwachen und Erleuchtung?

 

A: Aus meiner Sicht ja. Es gibt viele Menschen, die erwacht sind, sprich, die eine oder mehrere Einsichten in die Wahrheit oder Teile der Wahrheit gehabt haben/haben. Allerdings ist damit noch lange nicht das ICH unwiderruflich zerstört. Erst wenn das der Fall ist, kann man sagen, derjenige sei erleuchtet. Zumindest verwende ich die Begriffe so. Es kann aber gut sein, dass manche Lehrer die beiden Begriffe auch gleichwertig verwenden. Erleuchtete gibt es aus meiner Sicht nur wenige, aber Erwachte viele.

 

F: Na gut, das leuchtet ein ;-) Sag mal, hast du jetzt wieder einen Lehrer, nachdem du ja den anderen nach zwei Jahren verlassen hast?

 

A: Ja, ich sehe Ramana Maharshi und Arunachala ganz klar als meine Lehrer an. Daneben gehe ich auch zu Satsangs von zwei Lehrern und lese Bücher und schaue Videos an.

 

F: So laienhaft wie ich das verstehe, wie gesagt, ich kenne mich ja mit Advaita nicht aus, ist es da aber doch schon so, dass man einen Lehrer braucht, oder?

 

A: Ja, das ist auch ein größeres Thema, das werde ich sicher in Zukunft mal ausführlicher behandeln. Nur soviel kurz dazu: solange noch ein ICH da ist, muss man die Wahrheit hören. Entweder live von einem Erleuchteten oder aus Büchern und alten Texten. Das Hören der Wahrheit reicht jedoch nicht aus, man muss sich selbst erforschen, solange das ICH nicht vollständig verschwunden ist. Ein Lehrer, der selbst von der Wahrheit aus spricht, kann auf dem Weg helfen.

 

F: So und was ist jetzt für dich das Fazit nach 3 Jahren Auszeit und Satsang?

 

A: Das Resümee ist, dass es noch zu früh für ein Resümee ist (lacht). Der “weglose” Weg (pathless path) ist noch nicht zu Ende. Ich vertraue dem Prozess.

 



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